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Stylus

# Handhelds, PDAs und mobile Vorgeschichte

← ./magazin 28. Mai 2026
Geräte · 8 min

Palm V — als Industriedesign auf einmal mobil sein durfte

Der Palm V von 1999 war der Moment, in dem ein Handheld plötzlich kein Gadget mehr sein wollte, sondern ein Gegenstand. Über Aluminium, IDEO, und das, was wenige Jahre später am iPod wieder auftauchte.

Es gibt in der kurzen Geschichte des persönlichen Computers eine kleine Handvoll Geräte, bei denen man im Rückblick sagen kann: hier hat ein Material­wechsel den Beruf des Industrie­designs neu definiert. Der iMac G3 von 1998 mit seinem durch­scheinenden Polycarbonat. Der iPod von 2001 mit der polierten Edelstahl­rückseite. Und dazwischen, im Frühjahr 1999, der Palm V — ein 113 Gramm schweres, 114 × 79 × 10 Millimeter messendes Stück eloxiertes Aluminium, das vorgab, ein Organizer zu sein, und in Wahrheit der erste mobile Gegenstand war, den man ohne Verlegen­heit auf den Konferenz­tisch legen konnte.

Der Vorgänger, der Palm III, war ein gutes Gerät. Aber er war ein Gerät. Er hatte die typische Plastik­schale jener Jahre, einen Klappdeckel, der nach drei Monaten knarzte, und einen Wechsel­akku-Schacht für zwei AAA-Zellen, der sich mit einem hörbaren Klacken öffnete. Der Palm III sah aus wie das, was er war: ein Werkzeug für mobile Datenpflege, gebaut für die Werkzeug­tasche eines Außen­dienstlers. Der Palm V sah aus wie eine Entscheidung.

Was IDEO und Palm zusammen gemacht haben

Der Palm V entstand aus einer Zusammen­arbeit zwischen dem Palm-Industrial-Design-Team unter Dennis Boyle und dem Design­studio IDEO in Palo Alto. Beide Häuser waren damals — und sind bis heute — in der Bay Area so eng verwoben, dass die Frage, wer was beigetragen hat, im Rückblick müßig wirkt. Was sich aber dokumentieren lässt: Die Entscheidung, das Gehäuse aus einem einzigen, anodisierten Aluminium-Profil zu fräsen, war der Kern­bruch mit dem, was tragbare Elektronik bis dahin sein wollte.

Aluminium war 1999 in Konsumgeräten praktisch unbekannt. Die Werkzeuge dafür waren teuer, die Eloxal-Verfahren brauchten enge Toleranzen, und das Material­handling in der Massen­produktion war ein laufendes Problem — Aluminium­profile verkratzen, wenn man sie ansieht. Palm und Foxconn lösten das, indem sie das Gehäuse in zwei Schalen aufteilten, die ineinander­geschoben und verklebt wurden. Die Front zeigte das anthrazit­farbene Aluminium, der Rücken war aus dem gleichen Material, nur einen Hauch dunkler eloxiert. Schraubt man den Palm V auf — was wir gleich noch besprechen — sieht man, wie wenig Plastik im Inneren überhaupt verbaut ist. Selbst der Rahmen um das Display ist aus Metall.

Das Ungewöhnliche am Palm V ist nicht, dass er gut aussieht. Das Ungewöhnliche ist, dass er für ein massen­produziertes Konsumgerät der späten 90er fast keine sicht­baren Schrauben hat.

Wer Jonathan Ives Vorträge der frühen 2000er anschaut, hört ihn mehrfach über das sprechen, was er „die Disziplin, etwas wegzulassen” nennt. Es ist häufig zitiert worden, dass Ive den Palm V als eines der Geräte genannt habe, die ihn in der Frühphase des iPod-Projekts geprägt hätten — die genaue Formulierung variiert je nach Quelle, und man sollte vorsichtig sein mit der direkten Ableitung. Was aber unstrittig ist: Die formale Strenge des iPod der ersten Generation — die saubere, fast bündige Glas­fläche vorne, die polierte Metall­rückseite, die Reduktion auf ein einziges Bedien­element — ist die Sprache, die der Palm V zwei Jahre zuvor zumindest mit gespielt hatte.

Was im Inneren steckte

Technisch war der Palm V eine eher konservative Weiter­entwicklung des Palm III. Der Prozessor war der Motorola Dragonball EZ mit 16 MHz, der Speicher 2 MB RAM (beim leicht späteren Palm Vx dann 8 MB), das Display ein monochromes LCD mit 160 × 160 Pixeln und ohne Hinter­grund­beleuchtung im klassischen Sinne — eine schwache LED hinter dem Glas, die man aktivieren konnte, aber nicht wollte, wenn der Akku halten sollte. Palm OS in Version 3.1, später 3.3 beim Vx.

Was sich grundlegend änderte: der Akku. Der Palm V war das erste Palm-Gerät mit fest verbautem Lithium-Polymer-Akku. 600 mAh, nicht tauschbar, fest verklebt. Eine Lade­standzeit von etwa zwei Wochen bei moderater Nutzung. Das war 1999 eine Sensation — Wochen­standby aus einem so kleinen Gerät — und es war gleichzeitig die Achilles­ferse, mit der wir bis heute zu kämpfen haben. Die Originalakkus sind, ohne Ausnahme, seit zehn Jahren tot. Mehr dazu im Restaurations­artikel in diesem Heft.

Die HotSync-Synchronisation lief über einen seriellen Dock-Anschluss mit einem proprietären Stecker, der direkt in eine Wiege auf dem Schreibtisch passte. Diese Wiege war Teil des Designs — der Palm V kostete im Original-Set etwa 449 US-Dollar mit Dock, eine Summe, die ihn klar im Premium-Segment positionierte.

Die Schwächen, ehrlich

Wer den Palm V heute in der Hand hält, merkt zuerst das Gewicht. 113 Gramm fühlen sich auch 2026 noch wertig an. Was man danach merkt, sind die Schwach­stellen.

Das Touch-Layer ist eine resistive Folie, die zwischen Display und Front­glas geklebt ist. Bei jedem zweiten Palm V, der heute über Ebay verkauft wird, gibt es entweder tote Zonen am Rand oder ein Drift-Problem, bei dem die Kalibrierung jeden zweiten Tag neu vorgenommen werden muss. Die Folie altert. Es gibt Ersatz, aber das Öffnen des Gehäuses ist heikel: Die beiden Aluminium­schalen sind verklebt, kein Schraub­verschluss, und der Klebe­spalt liegt an der Kante, die man optisch nicht beschädigen will.

Der Akku ist, wie gesagt, nicht tauschbar — jedenfalls nicht im Sinne der Original­konstruktion. Wer einen Palm V heute zum Laufen bringen will, muss das Gehäuse öffnen, den toten LiPo entfernen und einen 600- bis 900-mAh-Ersatz einlöten. Das ist machbar, aber es ist Bastelarbeit, und es gibt eine reale Brand­gefahr, wenn der Ersatzakku falsch behandelt wird.

Schließlich der Punkt, den man dem Palm V nicht ankreiden kann, der ihn aber doch trifft: Die Kommunikations­anschlüsse sind seriell. Wer 2026 eine HotSync-Verbindung herstellen will, braucht entweder einen alten Rechner mit serieller Schnitt­stelle oder einen USB-Seriell-Adapter, der mit den Palm-Treibern spricht. PalmDesktop existiert offiziell nicht mehr für aktuelle Betriebs­systeme; die Community hat aber mit Synergy und libpisock zwei Open-Source-Reimplementationen der Konduit-Schicht gepflegt, mit denen HotSync auf macOS 15 und auf Linux unter aktuellen Kerneln funktioniert. Auf Windows 11 hilft der ältere PalmDesktop-Installer von 2007 in Kombination mit einer Kompatibilitäts­schicht.

Ein Pflichtgerät, mit Einschränkung

Wer eine kleine Sammlung der frühen PDA-Industrie aufbaut, kommt am Palm V nicht vorbei. Er ist das Gerät, das die Sprache der mobilen Elektronik um ein Vokabular reicher gemacht hat: das eines hochwertigen, materialbewussten Konsum­objekts, das man nicht in der Werkzeug­tasche, sondern in der Innen­tasche des Sakkos trug.

Für die aktive Nutzung 2026 würde ich ihn nur Sammler:innen empfehlen, die bereit sind, einmalig den Akku zu tauschen und die Touch-Folie im Zweifel zu erneuern. Wer einen Palm zum täglichen Adress­buch­führen sucht, ist mit einem Tungsten T3 oder einem späten Treo 650 besser bedient — beide haben USB, beide haben Farbe, beide haben Akkus, die heute noch in Standard­größen erhältlich sind.

Der Palm V ist kein Gebrauchs­gerät mehr. Er ist ein Beleg dafür, dass es einen Moment gab, in dem ein Industriedesign-Team und ein Hardware-Hersteller gemeinsam entschieden haben, dass mobile Geräte gut aussehen dürfen. Der iPod hat das später besser kommerzialisiert. Das iPhone hat es perfektioniert. Aber der Palm V war zuerst da.

Und auf dem Schreibtisch, neben einer modernen Tastatur, wirkt er auch 2026 nicht antiquiert. Er wirkt — und das ist das eigentliche Kompliment — wie ein Gegenstand, der entschieden hat, was er sein wollte, und dabei geblieben ist.


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